Politik für Alle

Seniorenpolitik? Für eine große Anzahl von Menschen handelt es sich hierbei um einen seltsamen Begriff, der ein Image transportiert, das kaum etwas Positives erahnen lässt. Gerade die, die zur neuen Generation der Älteren gehören, hegen ein großes Misstrauen. Die Mehrheit derer, die zu den aktiven Senioren zählen, können aufgrund einer vitalen Interessenlage nur sehr wenig mit dem Begriff anfangen, der zudem eher stigmatisierend wirkt. Oft scheint es, als würde das Alter als eine Art Behinderung angesehen. Das ist natürlich purer Unsinn.

 


Kanzleramt Berlin


Der Mensch wird, selbst, wenn er entgegen der Statistik früher verstirbt, immer später gebrechlich. Die aktive Lebenszeit weitet sich also aus und es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, sich mit 60 schon als Senior im Sinne der zum Teil wirklich überalterten Politik zu sehen. Die gesellschaftliche Realität sieht heute anders aus. Leider fokussiert sich Seniorenpolitik, um dieses Wort noch einmal zu bemühen, immer noch so aus, als ginge es im Wesentlichen um gebrechliche Menschen, die allein durch ihre Hilfsbedürftigkeit auf sich aufmerksam machen. Natürlich muss auch hier agiert werden und jeder Bürger kann sich glücklich schätzen, dass wir über entsprechende Versorgungseinrichtungen und die notwendigen Produkte verfügen. Doch allein das greift zu kurz. Wer sich nur auf diese Phase des Alters konzentriert, verpasst die Chance, die die Jahre davor bieten.

Gerade das über lange Jahre angeeignete Wissen, die Erfahrung, die entstandene innere Ruhe und der Wille, noch zu leisten, macht die stetig wachsende Gruppe 50+ so wertvoll für unsere Gesellschaft - wenn man sie denn lässt. Hier wäre der richtige Einstiegspunkt für die Politik. An dieser Stelle wäre es möglich, die vorhandenen Fähigkeiten intensiv und zum Vorteil aller Bürger zu nutzen. Das gelingt im Moment leider noch nicht oder wird zu halbherzig verfolgt. Allein die Ausweitung der Lebensarbeitszeit durch die Anhebung des formalen Renteneinstiegsalters ist keine erfolgversprechende Garantie - erst recht nicht bei steigenden Arbeitslosenzahlen. Es sind andere strukturelle Reformen nötig, um das enorme Potenzial, über  das die Bundesrepublik hier verfügt, auch zu nutzen.

Mittelstandsförderung, Unterstützung von Projektgruppen, Gründungen von Kollektiven oder Genossenschaften und vor allem eine kreative Weiterbildungspolitik sind hier gefordert. Es ist nicht zielführend, die immer geringer werdende Zahl abhängig Beschäftigter durch Zuschusshäppchen zur Weiterbildung zu motivieren, wenn die, die meist unfreiwillig aussteigen mussten, dabei nicht bedacht werden. Wichtiger wäre es, zu verhindern, dass erfahrene Fachkräfte, die "freigesetzt" wurden, wieder zu integrieren und zielorientiert zu fördern – auch, was Gründungen betrifft. Es ist sinnlos, zu postulieren, dass das ab einem gewissen Alter nicht mehr zukunftssicher sei. Hierbei handelt es sich lediglich um Scheinargumente, um nicht handeln zu müssen.

Es bleibt – gerade jetzt in Krisenzeiten – spannend. Zweifelhaft ist, ob Prämiengutscheine der EU und der Bundesregierung sinnvoll sind, die einen maximalen Wert von 154 Euro besitzen und nur bis zu einem Jahreseinkommen von 17.500 Euro ausgegeben werden. Für welche Personengruppe sollen diese Gutscheine relevant sein und mit welcher Zielsetzung? Wer "nur" über 17.500 Euro verfügt und dann nur 154 Euro Zuschuss erhalten kann, wird wohl kaum in der Lage sein, eine wirklich relevante Weiterbildung zu finanzieren. Wie so oft handelt es sich nur um Feigenblattaktionen, die kaum einen Effekt haben werden. Eine derartige Förderpolitik erscheint sinnfrei. Auch die sogenannten Aufstiegsstipendien sind wenig zielgerichtet, da sie zwar Weiterbildung ermöglichen – aber eigentlich nur für abhängig Beschäftigte relevant sind. Und was ist mit dem Rest der Bildungs- und Auf- oder wieder Einstiegswilligen? Diese Personengruppe, die einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung – auch und gerade unter den Älteren – ausmacht, bleibt dabei auf der Strecke.

Das ist keine Politik für Alle, doch genau die würden wir brauchen.

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