Arbeitsmarkt 50+
Nicht nur Karstadt ...

10,5 % Arbeitslosenquote werden in 2010 erwartet. Zwar geht die EZB davon aus, dass sich die Konjunktur im zweiten Halbjahr erholen wird, den Arbeitsmarkt wird es aber dennoch hart treffen. Dieses Ergebnis war zu erwarten. Zwar federt die Möglichkeit der Kurzarbeit den Niedergang noch ab, doch kann sie das nicht auf Dauer. Man sollte davon ausgehen, dass es zu einer unangenehmen Konsolidierung kommen wird.
Leider steht auch zu erwarten, dass gerade ältere Arbeitnehmer dem zum Opfer fallen werden. Gerade im Segment der abhängig Beschäftigten in Industrie, Handwerk und Dienstleistung, die an Tarifverträge gebunden sind, wird es vermutlich dazu kommen, dass teure ältere Arbeitnehmer entlassen werden, so das möglich ist. Da es in dieser Alteresgruppe nicht ganz einfach ist, eine neue Beschäftigung zu finden, ist zu befürchten, dass der Weg dann direkt in die Armut führt und das Wissen und die Erfahrung dieser Arbeitnehmer dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung steht, da man es nicht mehr vergüten möchte.
Es werden nicht nur Karstadt-Mitarbeiter sein, die wir in der Zukunft für ihren Arbeitsplatz kämpfen sehen – mehr oder weniger erfolgreich. Auch andere Unternehmen werden wohl oder übel Personal freisetzen müssen, um sich zu entlasten und um den Forderungen der Finanzwirtschaft nachkommen zu können. Dividende vor Arbeitsplatzgarantie. Was sich bislang noch einigermaßen sozialverträglich regeln lies, wird in Zukunft unvereinbar sein. Man wird bemerken müssen, dass das Verhältnis der Kräfte, wie wir es bislang kennen, keine Garantie mehr geben kann, in dem Punkt, dass erfolgreiche Unternehmen auch sichere Arbeitsplätze schaffen und zur Verfügung stellen.
Vor diesem Hintergrund wird es interessant sein, wie effektiv und wie schnell die Politik auf die wirtschaftliche Entwicklung und ihre Folgen reagieren wird. Aus wirtschaftlicher Sicht "vernünftig" ist es, kostenintensive Arbeitsplätze abzubauen und den Lohnkostenanteil möglichst massiv zu senken. Das ist prinzipiell nachvollziehbar, kann aber nicht im Sinne eines funktionierenden Gemeinwesens – einer Gesellschaft – sein, die den Unternehmen die nötige Infrastruktur und auch den Markt zur Verfügung stellt, um überhaupt agieren zu können. Bei näherer Betrachtung wird immer klarer, dass ein grundsätzlicherer Wandel stattfinden muss, damit sich Arbeit für alle beteiligten Seiten lohnt.
Ob es hierzu in Zukunft noch reicht, dass Menschen ihre Arbeitskraft anbieten, damit Unternehmen produzieren, wird angesichts des fragilen finanziellen Konstruktes, in dem sich die Unternehmen bewegen, immer unwahrscheinlicher. Die bislang soziale Marktwirtschaft zeigt derzeit ihr hässliches, durch Erpressung, Unvermögen und Betrug verzerrtes Gesicht. Die Frage muss erlaubt sein, wie arbeitsplatz- und existenzvernichtende Auswüchse des Systems in Zukunf verhindert werden sollen. Auch die Frage nach dem Sinn und nach der Stabilität eines auf Vermutungen aufbauenden Finanzmarktes ist zu stellen.
Mit finanziellen Hilfen für Unternehmen, die sich "verzockt" haben, ist es nicht getan. Diese werden dann ohnehin nur dafür genutzt, die Konsolidierung zu finanzieren, die dann Arbeitsplatzabbau bedeutet. Und die Kosten dafür trägt dann auch wieder die Solidargemeinschaft. Auf diesem Weg perpetuiert sich der Transfer von den Geschädigten hin zu den Schädigern – allein, um marode Unternehmen weiter am Leben zu erhalten, damit sie ihre schweren Fehler auch weiterhin unbehelligt wiederholen können. Der Staat wäre schlecht beraten, sich auf dieses perfide Spiel einzulassen. Auch wäre dies ein Schlag ins Gesicht derer, die sich nach Jahren loyaler Zugehörigkeit zu einem Unternehmen in den Gängen der Arbeitsagentur wiederfinden.